Adventszeit genießen…

dazu gehören auch schöne Geschichten rund um Weihnachten. Hier eine bezaubernde Geschichte über die Krippe:

Das Krippenhuhn

Fünfundfünzig Jahre ist die jetzt alt – meine Krippe.

Der Nachbar hat nämlich Zigarren geraucht, und als ich wieder einmal borgen ging bei ihm, sah ich die Kiste. Dünnes, helles Holz. Schönes Holz. Deckel und Boden groß genug, zwei Figuren auszusägen. Es gab ja kein Sperrholz achtundvierzig. Ich musste all meinen Mut zusammennehmen, um ihn zu fragen. Er guckte so schräg, wie er immer guckte, wenn arme Leute was von ihm wollten. Und dann sagte er: „Ja, ich gebe sie Ihnen. Zehn Eier die Kiste.“

Wir hatten zwei Hühner, die mehr fraßen, als sie Eier legten. Ich erzählte ihnen von der Krippe. Sie strengten sich an. Ich sparte noch mehr als sonst, und im Frühjahr kaufte ich drei Küken. Eins davon wurde ein Hahn. Ich zeichnete Figuren. Maria natürlich, Joseph, das Jesuskind, zwei Hirten, die Heiligen Drei Könige. Zwei Kühe, einen Esel, sechs Schafe, drei Lämmer. Dann fand ich, dass da auch Frauen zum Stall kommen müssten, ist doch richtig, oder?

Schließlich wäre ich damals mit meiner Mutter auch gerne hingegangen. Immer stehen da all die Hirten und Könige, und Maria würde sich doch bestimmt freuen, wenn auch ein paar Frauen da sein würden, die was von kleinen Kindern verstehen.

Währenddessen gaben sich die Hühner und der Hahn alle Mühe. Nach zwei Jahren hatte ich elf Zigarrenkisten. Beim Tischler borgte ich mir eine Laubsäge. Die Sägeblätter waren sehr teuer, und obwohl ich sie wie rohe Eier behandelte, rissen mir zwei. Deshalb kam ich nicht so schnell woran. Ich musste immer erst aus nächste Sägeblatt sparen. Der Fahrradhändler wunderte sich zwar, aber er gab mir seine leeren Lacktöpfchen. Da war immer ein kleiner Rest drin. Leider gab es kein Gelb. Deshalb sind die Gesichter so rosa. Drei Jahre hat es gedauert. 1951 hatte ich sie dann fertig.

Das war ein Fest, als ich sie das erste Mal aufstellte! Jetzt bin ich achtzig. Hier ist sie, meine Krippe. Ich freue mich immer das ganze Jahr darauf, sie aufzubauen. Zigarrenkisten und Fahrradlack. Ist das nicht schön? Ach ja, sehen Sie das kleine Huhn? Direkt neben Maria? Es schläft … Ich weiß, eigentlich gibt es keine Hühner im Stall von Bethlehem, aber Sie werden verstehen.

Doris Bewernitz

Und eine zweite sehr schöne Geschichte, die genau in die Weihnachtszeit passt:
Die Weihnachtsgans

In einem Vorort von Wien lebten in der hungrigen Zeit nach dem Krieg zwei nette alte Damen. Damals war es noch schwer, sich für Weihnachten einen wirklichen Festbraten zu verschaffen. Und nun hatte die eine der Damen die Möglichkeit, auf dem Land – gegen allerlei Textilien – eine wohl noch magere, aber springlebendige Gans einzuhandeln. In einem Korb verpackt, brachte Fräulein Agathe das Tier nach Hause. Und sofort begannen Agathe und ihre Schwester Emma das Tier zu füttern und zu pflegen.

Und so kam der Morgen des 23. Dezember heran. Es war ein strahlender Wintertag. Die ahnungslose Gans stolzierte vergnügt von der Küche aus ihrem Körbchen in das Schlafzimmer der beiden Schwestern und begrüßte sie zärtlich schnatternd. Die beiden Damen vermied es es, sich anzusehen. Nicht, weil sie böse aufeinander warten, sondern nur, weil eben keine von ihnen die Gans schlachten wollte. „Du musst es tun“, sagte Agathe, sprach’s, stieg aus dem Bett, zog sich rasend rasch an, nahm die Einkaufstasche, überhörte den stürmischen Protest und verließ in geradezu hässlicher Eile die Wohnung.

Als Agathe nach geraumer Zeit wiederkehrte, lag die Gans auf dem Küchentisch, ihr langer Hals hing wehmütig pendelnd herunter. Blut war keines zu sehen, aber dafür alsbald zwei liebe alte Damen, die sich heulend umschlungen hielten. „Wie … wie…“, schluchzte Agathe, „hast du es gemacht?“ „ Mit … mit … Veronal“, wimmerte Emma. „Ich habe ihr einige deiner Schlaftabletten auf einmal gegeben, jetzt ist sie…“, schluchzend, „huh … rupfen musst du sie… huh huh huh …“, so ging das Weinen und Schluchzen fort. Endlich raffte sich Agathe auf und begann, den noch warmen Vogel zu rupfen. Federchen um Federchen schwebte in einen Papiersack, den die unentwegt weinende Emma hielt. Und dann beschloss man, nachdem es mittlerweile spät am Abend geworden war, das Ausnehmen der Gans auf den nächsten Tag zu verschieben.

Am zeitigen Morgen wurden Agathe und Emma geweckt. Mit einem Ruck setzten sich die beiden Damen gleichzeitig im Bett auf und stierten mit aufgerissenen Augen und Mündern auf die offene Küchentür. Herein spazierte, zärtlich schnatternd wie früher, wenn auch zitternd und frierend, die gerupfte Gans.

Bitte, es ist wirklich wahr und kommt noch besser. Als ich am Weihnachtsabend zu den beiden Damen kam, um ihnen noch rasch zwei kleine Päckchen zu bringen, kam mir ein vergnügt schnatterndes Tier entgegen, das ich nur wegen des Kopfes als Gans ansprechen konnte, denn das ganze Vieh steckte in einem liebevoll gestrickten Pullover, den die beiden Damen hastig für ihren Liebling gefertigt hatten. Die Pullovergans lebte noch weitere sieben Jahre und starb dann eines natürlichen Todes.

Maria Branowitzer-Rodler